DEUTSCHLAND

Automobilzulieferer: Erholung erst in 2013 Massive Strukturanpassungen erforderlich

17. November 2009

Aktuelle Umfrage der Alvarez & Marsal Deutschland GmbH:

  • Markterholung erst für 2013 erwartet
  • Stabilisierung auf 2007er Niveau für 2014 prognostiziert
  • 55% der Autozulieferer kürzen ihre F&E Budgets, elementare Standortqualitäten gefährdet
  • 77% sehen Notwendigkeit für strukturellen Stellenabbau
  • Weitere Automobilzulieferer in akuter Insolvenzgefahr
  • Traditionelle Restrukturierungsmethoden müssen verfeinert werden

München, den 17. November 2009: Eine aktuelle Umfrage der Alvarez & Marsal Deutschland GmbH (A&M) deckt ein weitaus größeres Gefahrenpotential für die europäische und deutsche Automobil-Zulieferindustrie auf, als bislang angenommen. Beschleunigendes Moment ist der massive Nachfrageeinbruch von über 20%. Die Automobil-Hersteller (OEM) kämpfen derzeit mit Auslastungen von lediglich 50-70%. Die Problematik der Minderauslastung ist nicht neu, bereits vor der Krise kämpften die meisten Hersteller mit Auslastungslücken von bis zu 20%. Im Herbst dieses Jahres hat sich die Lage jedoch bedrohlich verschärft. Insbesondere an Lieferanten stellt die Sicherung der Liquidität höchste Anforderungen. Der überproportionale Umsatzeinbruch resultiert neben dem Nachfrageeinbruch aus einer Verschiebung des Produktmix hin zu niedriger ausgestatteten Fahrzeugen, OEM und Lieferanten erleben einen überproportionalen Absturz der Geschäftsergebnisse. Preisnachlässe bei gleichzeitig sinkenden Absatzvolumen werden nach wie vor vom OEM direkt an die Lieferantenbasis weitergereicht. Zusätzliche Belastungen entstehen darüber hinaus durch verlängerte Zahlungsziele der OEM.

Dr. Christian E. Baur, Automotive Experte und Senior Direktor bei A&M warnt: „Die sinkenden Liquiditätskennzahlen ziehen die Ratings nach unten. In Folge dessen verteuern sich Kredite und gefährden so die Finanzierung zukünftiger Aufträge. Bei wieder steigender Nachfrage kann das zum Desaster führen.“ Staatliche Stützungsprogramme hätten zwar schnell und effektiv ein Massensterben der Unternehmen verhindert, das Auslaufen der europäischen Programme in 2011 werde allerdings eine Restrukturierungswelle hervorrufen.

Die A&M Umfrage

Die aktuelle Umfrage der Alvarez & Marsal Deutschland GmbH unter 52 Managern der Automobilindustrie belegt, dass die bestehenden Überkapazitäten erhöhten Druck auf die Zulieferindustrie ausüben und weitere Insolvenzen nach sich ziehen werden. Eine flächendeckende Restrukturierung innerhalb der Automobilindustrie ist unausweichlich. In diesem Kontext ist gerade die Sicherung elementarer Standortqualitäten wie Innovation überlebenswichtig. Im Folgenden einige Auszüge der Umfrage:

Bei knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen ist der Markt um mehr als 30% eingebrochen. Mit einer robusten Markterholung wird mehrheitlich jedoch nicht vor 2013/ 2014 gerechnet. Bei 54% der Unternehmen befindet sich der geplante Umsatz mehr als 30% unter Vorjahresniveau, während das Betriebsergebnis (EBITDA) noch deutlichere Einbußen ausweist. Für 41% der Firmen liegt dieser Wert sogar um mehr als 50% unter dem des Vorjahres.

Die deutliche Mehrheit von 77% der Befragten sieht die Notwendigkeit eines weiteren Stellenabbaus in Höhe von mehr als 10%. Beim Thema der Standortstrategie rechnen 47% der Firmen mit Verlagerungen bis hin zu Standort-Schließungen. Auch auf Seiten der Produktpalette sind massive Einschnitte geplant, 26% der Unternehmen nehmen hier Kürzungen vor. Im Rahmen des Überlebenskampfes bleibt selbst die Entwicklungsabteilung nicht verschont, Kürzungen finden hier bei 55% der Unternehmen statt. Dies ist umso tragischer, da aus Sicht der OEMs Innovationen vom Lieferanten erwartet und gefordert werden. Letztendlich war die Innovationsleistung der deutschen Unternehmen stets der Garant für Wachstum und Standortsicherung. Dramatisch ist der Ausblick bei Insolvenzen: 97% rechnen mit einer Zunahme, 29% davon erwarten sogar eine deutliche Zunahme.

Das Gesamtbild der Umfrage spiegelt eine sehr explosive Mischung wider, insbesondere wenn man berücksichtigt, dass die staatlichen Hilfsprogramme mehrheitlich 2011 enden. Eine weitere Verlängerung von Subventionen und deren Finanzierbarkeit aus Steuermitteln befinden sich im direkten Kontrast zu einer überfälligen Marktkonsolidierung. Wachsende Überkapazitäten und mangelnde Liquidität zwingen zu deutlicher Konsolidierung.

Abwrackprämien, Insolvenzen & strategische Übernahmen

Trotz staatlicher Förderprogramme mittels Kurzarbeit, Abwrackprämien, Überbrückungskrediten und Technologieförderung ist die Zahl der Insolvenzen bereits auf über 50 Unternehmen in Deutschland in den vergangenen 12 Monaten angestiegen. Innerhalb Europas beteiligen sich derzeit 12 Länder aktiv an Stützungsmaßnahmen. Dennoch steht die Branche weiterhin massiv unter Druck, so dass sich weitere Zulieferer in akuter Insolvenzgefahr befinden. Diese Situation wird noch verschärft durch die rasche Abkühlung der Nachfrage nach dem Auslaufen staatlicher Kaufanreize. Finanzielle Ressourcen für notwendige Restrukturierungen und zukunftsweisende Produkt-entwicklungen sind kaum vorhanden. Stattdessen zeigt sich ein neues Phänomen: Einige wenige finanzstarke Mittelständler sind derzeit auf Einkaufstour. Ehemals kaufkräftige Private-Equity Investorengruppen agieren momentan sehr zurückhaltend, daher nutzen Firmen wie zum Beispiel Webasto (Edscha-Cabriosysteme), Gestamp Automocion (Edscha-Karosserieteile), Mahle (KTM-Kühler) und Elring Klinger (Ompas) den angeschlagenen Markt, um strategische Unternehmenszukäufe zu realisieren. Webasto übernahm zu einem nur 2-stelligen Millionenbetrag Edscha‘s Cabriodach-Einheit aus der Insolvenz. Edscha, in 2007 noch Weltmarktführer im Segment der Cabrioverdecke, musste im Zuge des Abschwunges bereits im Februar dieses Jahres Insolvenz anmelden.

OEM-Allianzen & wachsender Konsolidierungsdruck
Der Konsolidierungsdruck auf Zuliefererseite quer durch alle Fahrzeugmodule getrieben von Überkapazitäten und dem „Wunsch“ der OEMs, dass ihre Tier-1 Lieferanten gefährdete Tier-2 Lieferanten „übernehmen“, wird zwangsläufig zu weiteren Zusammenschlüssen führen. Dies wird von 58% der befragten Unternehmen erwartet. Auch das Entstehen neuer Einkaufsallianzen unter den OEMs, wie zuletzt bei BMW und Daimler, zwingt die Lieferantenbasis zu Zusammenschlüssen.

Die Technologiefalle

Die Entwicklung emissionsarmer Fahrzeuge ist gesetzlich festgeschrieben. Die EU forciert eine deutliche Reduzierung der CO2 Werte, langfristiges Ziel ist ein Grenzwert von 95 Gramm/ Kilometer bis zum Jahr 2020. Dies stellt insbesondere das Premium-Segment und dessen Lieferkette vor große Aufgaben und Investitionen. Eine zielführende Zuordnung staatlicher Hilfen ist kompliziert, wenn man den stetigen Technologiewechsel vom traditionellen Verbrennungsmotor zum Hybrid- und Elektro-Fahrzeug betrachtet. Das Portfolio an alternativen Antriebstechnologien ist noch fragmentiert, viele der Lösungen bauen nicht aufeinander auf. Welche Lösungen sich wirtschaftlich am Markt letztendlich durchsetzen werden, ist derzeit nicht erkennbar und eine gezielte Förderung für Schlüsseltechnologien gestaltet sich schwierig.

Darüber hinaus besteht ein Zielkonflikt zwischen Kunde, OEM und Lieferant. Dieser wird noch verstärkt durch lange Entwicklungszeiten. Während der Kunde mehr denn je auf hohe Preisabschläge, „Downsizing“, Wirtschaftlichkeit und CO2-Effizienz achtet, müssen OEMs und ihre Lieferanten bereits in die Entwicklung und Fertigung der nächsten Technologie-Generation investieren. Die international überlebenswichtige Innovationsverantwortung ist heute vorrangig außerhalb der OEM-Gruppen zu finden, wobei die von den OEMs an die Lieferanten gestellten Entwicklungsansprüche kaum noch finanzierbar sind, auch F&E-Budgets wurden empfindlich gekürzt.

Michael Petrik, Automotive Experte und Direktor von A&M erläutert: „Dieser Schritt ist aus zweifacher Sicht riskant. Er gefährdet sowohl den Qualitäts- als auch den  Innovationsvorsprung europäischer Produkte. Spätestens hier zeigt sich, dass die Umsetzung eines traditionellen Sanierungsplans sich als ungeeignet erweist und eine Gefährdung für zukünftige Aufträge auslösen kann, diesmal nicht aufgrund schlechter Finanzratings, sondern auf Grund von fehlerhaftem Portfolio-Management.“

Das Fazit

Entscheidend für die Sanierung ist ein integrierter Ansatz und Umsetzungsplan für das betreffende Unternehmen, um die Balance aus kurzfristigen Zielen zur Sicherung der Liquidität und Nachhaltigkeit sichern zu können. Dies beinhaltet auch die Frage ob Ressourcen effizient auf die Kernkompetenzen abgestimmt sind.

Die beiden A&M Automotive Experten Dr. Christian E. Baur und Michael Petrik betonen mit Nachdruck: „dass ohne Installation einer flexiblen Organisationsstruktur und eines variablen Produktionsnetzwerks keine nachhaltige Ergebnissicherung erzielt werden kann. Schließlich müsse sich das Unternehmen flexibel den Marktverhältnissen anpassen und gleichsam „mit dem Markt atmen können“, um zu überleben.“



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