DEUTSCHLAND

Turnaround 2010 - „Wege aus der Krise“

20. Mai 2010

„Langfristige Wettbewerbsfähigkeit durch ganzheitliche Restrukturierung sichern“ von Steffen Kroner, Director der Alvarez & Marsal Deutschland GmbH

Anfang 2009 traf die weltweite Wirtschaftskrise die deutsche Wirtschaft mit voller Wucht. Exporte und Auftragseingänge brachen dramatisch ein und versetzten die Wirtschaft zeitweilig in eine Schockstarre. Unternehmen, die traditionell mit guten Produkten in langfristigen Kundenbeziehungen verankert sind, wie z.B. Werkzeug- und Maschinenbau, Chemie oder Automobilindustrie, meisterten die schwierige Situation vielfach durch einen starken Fokus auf kurzfristige Cash und Working Capital Optimierung, bis die Auftragseingänge gegen Ende 2009 wieder eine steigende Auslastung der Kapazitäten erlaubten. Die Innenfinanzierung gewann als Instrument zur kurzfristigen Liquiditätsgenerierung stark an Bedeutung, weil Kreditinstitute durch die weltweite Finanzkrise selbst als Kreditgeber für die Realwirtschaft ausfielen. Oft konnten Unternehmen nur über KfW Bürgschaftsprogramme und den Wirtschaftsfonds Deutschland Kredite aufnehmen.
Insgesamt gingen die Unternehmen maßvoll mit der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten um. Ein Kahlschlag auf dem Beschäftigungsmarkt blieb - dank Kurzarbeit und anderen Instrumenten, wie flexiblen Arbeitszeitkonten - der deutschen Volkswirtschaft erspart und die deutsche Sozialpartnerschaft hat sich auch in der Krise bewährt. Diese Instrumente ermöglichten es den Unternehmen, sehr schnell Kapazitäten vorübergehend anzupassen und zeitweise Kosten einzusparen, ohne jedoch ihre Geschäftsmodelle und Strukturen mittels einer ganzheitlichen operativen und finanziellen Restrukturierung sowie strategischen Neuausrichtung weiterzuentwickeln. Im Vergleich zu deutschen Unternehmen haben sich die US-Konzerne schneller und stärker gesund geschrumpft und die starken Umsatzeinbrüche mit kurzfristigen und radikalen Kostensenkungen aufgefangen. „Das tat den Gewinnen gut, nicht aber den Menschen“ (Handelsblatt in „Aufschwung ohne Schwung“ vom 12.04.10).
Bei all den genannten positiven Aspekten, die zur kurzfristen Krisenbewältigung beigetragen haben, birgt diese Art des Krisenmanagements jedoch auch Risiken für die langfristige Wettbewerbssituation der Unternehmen. Denn nur wenige Unternehmen haben die Krise bislang genutzt, um Ihre Geschäftsmodelle nachhaltig auf den Prüfstand zu stellen, überholte Strukturen über Bord zu werfen, an neue Marktanforderungen anzupassen sowie sich bei Bedarf strategisch neu zu positionieren. Kurzum, sie operieren weiter mit einer zu teuren Kostenstruktur, die aktuell noch von den politischen Rettungsschirmen und Sozialversicherungssystemen finanziert wird, bald jedoch wieder selbst von den Unternehmen getragen werden muss und auf die Profitabilität drücken wird.
„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“; die in den letzten Monaten einsetzende zaghafte Erholung wichtiger konjunktureller Frühindikatoren sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die gesamtwirtschaftliche Situation im Euroraum auf absehbare Zeit schwierig bleiben wird. Die jüngste Griechenland- bzw. Eurokrise sind prominente Beispiele dafür, wie schnell positive Konjunkturindikatoren bei einer erneuten Verunsicherung des Wirtschaftsklimas wieder abkühlen können.
Der internationale Wettbewerb verstärkt den Preisdruck für deutsche Unternehmen durch günstigere aber auch qualitativ zunehmend vergleichbare ausländische Importe, insbesondere im produzierenden Gewerbe und in High-Tech Branchen. Andererseits bietet diese Entwicklung auch verstärkt Wachstumschancen in neuen regionalen Märkten wie den boomenden BRIC Staaten und anderen Schwellenländern. In einer aktuellen Analyse schreibt das Handelsblatt (7. Mai 2010), dass die DAX Konzerne die Krise schneller hinter sich gelassen haben, weil sie starke Geschäftseinbrüche in traditionellen Märkten mit anziehendem Geschäft in Schwellenländern ausgleichen konnten, z.B. BASF, Siemens VW. In Summe konnten sich DAX-Konzerne damit in den schwarzen Zahlen halten. Im Gegenzug sind Unternehmen aus dem M-DAX, dessen Gros kommt aus den deutschen Schlüsselbranchen Elektro-, Automobil- und Maschinenbau, viel tiefer in die Krise gerutscht, da sie die starken Umsatzeinbrüche in ihren traditionellen Heimatmärkten Europa und USA nicht mit gegenläufigem Wachstum in den Schwellenländern abfangen konnten und wegen ihrer geringeren Diversifikation naturgemäß krisenanfälliger sind. Selbst Kurzarbeit im großen Stil, temporäre Werksstillegungen und radikalen Kostensenkungen konnten beim Rückgrat der deutschen Wirtschaft rote Zahlen nicht verhindern.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass Unternehmen viel stärker als bisher ihre Geschäftsmodelle auf Zukunftsfähigkeit und Profitabilität trimmen müssen, um zukünftig Investitionen in innovative Technologien, Produkte und Märkte stemmen zu können. Ein ganzheitlich orientierter Restrukturierungsansatz, der aufbauend auf einem erfolgreichen kurzfristigen Krisenmanagement, die Basis schafft, Geschäftsmodelle nachhaltig operativ und finanziell zu restrukturieren und auf die strategischen Ziele ausrichtet, ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Eine isolierte finanzielle Restrukturierung zur Krisenbewältigung allein verschafft zwar kurzfristig Luft, jedoch verpufft deren Wirkung erfahrungsgemäß ohne die notwendige Flankierung umsatzsteigernder und ergebnisverbessernder Maßnahmen. Letztere umfassen einmalige Effekte durch Kostensenkungsprogramme, Kapazitätsbereinigungen, Desinvestitionen sowie kontinuierliche Produktivitätsverbesserungen und Effizienzsteigerungen in allen Geschäftsbereichen (Performance Improvement). Ein weiterer wichtiger Baustein für eine erfolgreiche ganzheitliche Restrukturierung ist ein erfahrenes und glaubwürdiges Managementteam, das die Restrukturierung mit Unterstützung wichtiger Anteilseigener umsetzen kann.

Auf Basis einer ausbalancierten strategischen Planung und den durch die operative Restrukturierung gehobenen Kostenvorteilen kann eine komplementäre Finanzierungstrategie aufgesetzt werden, die das operative Geschäft bestmöglich unterstützt und die zukünftige Wachstumsstrategie finanziert. Somit tragen Zukunftsinvestitionen in neue Produkte, Technologien, Märkte und Mitarbeiter die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und sichern deren Existenz.



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