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Wir benötigen die Neuregulierung der Finanzen
03. Juni 2009
- Größte Herausforderung: Vertrauen erneuern
- Reform der Aufsichts- und Kontrollmechanismen
- Forderung nach Aussetzung der Basel II-Vorschriften
- Revision der Richtlinien für Eigenkapitalanforderungen der Banken
München, 3. Juni 2009: Zahlreiche Analysten verbreiten derzeit, die Turbulenzen der Finanzkrise ließen nach. Walter Bickel, Geschäftsführer der führenden Unternehmensberatung Alvarez & Marsal, welche gegenwärtig die weltweite Insolvenzabwicklung und Restrukturierung der Investmentbank Lehman Brothers vornimmt, ist ganz anderer Meinung. Die Zinsen für die Kreditgewährung der Banken untereinander würden zwar langsam sinken, seien aber nach wie vor wesentlich höher als sie sein sollten, die Aktienkurse seien weiterhin volatil und die globale Marktlage bliebe unverändert anfällig.
Noch beunruhigender seien die Auswirkungen auf die Realwirtschaft, die weltweit zu beobachten seien – so Bickel. Das BIP schrumpfe, die Industrieproduktion sinke mit nie dagewesener Geschwindigkeit, die Exporte seien stark eingebrochen, die Insolvenzen stiegen an, die Zahlungsmoral sinke weiter. Was nun? Die Antwort von Bickel fällt klar aus: „Wir müssen das Vertrauen erneuern. Das wird in den kommenden Jahren für Europa und dessen Führungskräfte in Politik und Wirtschaft, inklusive der Finanzdienstleister, die größte Herausforderung sein. Einfach wird es nicht. Wir brauchen gesunde Finanzmärkte, ohne die wir uns nicht erholen können. Wir müssen für Transparenz sorgen und benötigen eine geeignete Aufsicht und adäquates Krisenmanagement“, so das Credo des Managers von Alvarez & Marsal, der eine internationale Zusammenarbeit zur Reform der internationalen Finanzinstitutionen und dessen Aufsichts- und Kontrollmechanismen anmahnt.
Bei der Bekämpfung der Krise sei es bisher nicht gelungen, die verschärfte Kreditvergabe zu verhindern, so Bickel. Dies stelle derzeit die größte Herausforderung dar. Deshalb müssten die Konjunkturpakete unbedingt ausgeweitet werden. Kritisch merkt Bickel an, dass die EU bei den Konjunkturprogrammen mit 0,9 Prozent des BIP Schlusslicht ist – in den USA seien es 5,8 Prozent und China habe das geplante Paket im Ausmaß von 7 Prozent verdoppelt. „Jetzt nichts Weiteres zu tun ist das Teuerste für das Budget, vor allem dann, wenn die Arbeitslosigkeit dramatisch steigt!“
Darüber hinaus fordert Bickel die vorübergehende Aussetzung der Basel II-Vorschriften, denn diese hätten die Krise nur verschärft. Mittelfristig seien Eigenkapitalunterlegungen aber unabdingbar. Ein Regulierungsversagen hätte es auch bei der Bilanzierung gegeben, indem Posten auf oder unter der Bilanz unterschiedlich behandelt werden konnten. „An einigen Stellen ist das Wissen über diverse Finanzinstrumente leider verloren gegangen. Ungeheuerlichkeiten sind im legalen Rahmen passiert. Von daher muss das Finanzsystem grundlegend neu geregelt werden.“ Bickel geht davon aus, dass es in Zukunft zwei Arten von Banken geben wird: Mit hohen Auflagen versehene „systemisch relevante Banken“, die Einlagen und Kredite verwalten sowie kleine Finanzinstitute ohne Staatsgarantie, in denen sich die Innovationen abspielen werden. „Business as usual“ werde es nach der Krise jedenfalls nicht mehr geben.
