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Kettenreaktion: Monitoring und Unterstützung von Lieferanten der Automobilindustrie
28. Mai 2010
München, Mai 2010 - Die Beziehung zwischen OEMs und deren Zulieferern lässt sich historisch vermutlich am treffendsten mit einem Verhältnis zwischen David und Goliath beschreiben. Die seit Jahren bestehende strukturelle Überkapazität kombiniert mit dem Umsatzrückgang und der Schwierigkeit der Zulieferer die Kostenstruktur schnell genug anzupassen hat zu der dramatischen Situation geführt in der sich die Beziehung heute befindet. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass zwei amerikanische Automobilhersteller beinahe gleichzeitig Gläubigerschutz (Chapter 11) beantragen würden.
Im Kampf ums Überleben vereint, nimmt die gesamte Lieferkette der Automobilindustrie radikale Veränderungen an ihrem Geschäftsmodell vor, um der Krise standzuhalten und eine nachhaltige Industrie für die Zukunft aufzubauen. Steigende Umsatzzahlen und eine Lockerung der Kreditvergabe sind Hoffnungsschimmer am Horizont, allerdings sind die schwierigen Zeiten noch nicht zu Ende.
Da das Versagen eines Gliedes in der Lieferkette gewaltige schädigende Auswirkungen auf den Rest haben kann, haben die OEMs und die Tier-1-Lieferanten der Automobilindustrie ein berechtigtes Interesse zur aktiven Intervention, um die notwendige Liquidität und Ressourcen zur Betriebsfortführung sicherzustellen.
Effektives Monitoring
Wie sollten OEMs und Tier-1 den Lieferantenpool überwachen, um Warnsignale zu bemerken und entsprechend darauf zu reagieren? Früherkennung und Intervention sind der Schlüssel zur Lösung von Liquiditäts- und operativen Problemen für jedes Unternehmen in Schieflage. Eine effektive Nutzung der Lieferantendatenbanken mit Risiko- und Finanzinformationen, ein Mitarbeitertraining zur besseren Identifizierung von Problemen in der Lieferkette, und ein Feedback zu operativen Hemmnissen sind drei der wichtigsten Waffen, die OEMs und Tier-1 in ihrem Arsenal haben.
OEMs verfügen in der Regel über eine Fülle an Informationen über ihre Lieferanten, die ihnen Einblicke in deren finanzielle Stabilität, ihr Risikoprofil sowie darüber geben, ob ein Lieferant „in Schwierigkeiten steckt“ und entsprechend markiert werden sollte. Die Best Practice diktiert, dass dieses System gefährdete Lieferanten präzise aufzeigen sollte, aber mangels qualifizierten Mitarbeitern und der Verfügbarkeit von Ressourcen gehen die meisten OEMs nur auf die dringendsten Fälle ein. Auch noch so knappe personelle und finanzielle Ressourcen sollten jedoch dafür bereitgestellt werden, um zu klären, ob, wann und wie bei in Not geratenen Lieferanten interveniert werden kann. Die Überwachung sollte sich auf das Verfolgen der Liquidität, Rentabilität, Zahlungsfähigkeit und der Investitionen konzentrieren.
Eine derartige Überwachung hat zwangsläufig ureigene Herausforderungen. Auf einem sich ständig verändernden Markt sind Finanz- und Unternehmensdaten, sofern sie denn verfügbar sind, sehr schnell überholt. Bei den meisten Lieferanten der Automobilindustrie handelt es sich um private Unternehmen ohne Verpflichtung zur Veröffentlichung. Die Mithilfe von Mitarbeitern in regelmäßigem Kontakt mit den Lieferanten ist notwendig um ein umfassendes und aktuelles Bild zu bekommen. Diese müssen in Hinblick auf finanzielle und operative Krisenanzeichen geschult werden und das Rüstzeug besitzen Antworten auf u.a. folgende Fragen zu finden:
- Beginnt der Lieferant mit oder erhöht er das Debitoren-Factoring?
- Gibt es Beschwerden über die Zahlungsmoral des Lieferanten?
- Hat er eine beschleunigte Begleichung von Rechnungen verlangt?
- Ist er zurückhaltender oder gar nicht bereit Werkzeug- oder Entwicklungskosten zu finanzieren?
- Hat er die Anzahl von genutzten Bankkonten erhöht?
- Hat er zunehmend mit seiner eigenen Zentrale zu kämpfen, um sein tagtägliches Working Capital zu bekommen?
- Wie verhalten sich Kreditversicherer gegenüber dem Lieferanten?
- Haben Lieferverzüge und –fehler zugenommen?
- Hat die Qualität nachgelassen?
- Sind die Reaktionszeiten (z.B. für das Erstellen von 8D-Reports) gestiegen?
- Gibt es bei dem Lieferanten mehr Ausfallzeiten oder Personalwechsel?
Lieferanten sollten ihren Kunden gesunde Bilanzen präsentieren können. Die Überprüfung der Leistungsfähigkeit einer einzelnen Rechtseinheit mit der der OEM eine direkte geschäftliche Beziehung unterhält kann zu einem falschen Eindruck führen. Wenn eine Rechtseinheit in Not gerät, kann aufgrund eines unternehmensweiten Cash-Pooling ein Dominoeffekt ausgelöst werden, der alle Tochtergesellschaften erfasst – bei einer Insolvenz kann sich dieser Effekt entsprechend potenzieren.
Nach unseren Erfahrungen gibt es bestimmte Schlüsselkennzahlen, die einem Lieferanten die Einstufung „rot“ im internen OEM Ranking ersparen dürften:
- eine Umsatzrendite von 3,0% bis 4,0%;
- eine Eigenkapitalquote von 25% bis 30% des Gesamtvermögens;
- und einen Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit, der höher als der Schuldendienst ist.
Ein in Nöte geratener Lieferant möchte natürlich so schnell wie möglich wieder zur Rentabilität zurückkehren und ein auf lange Sicht existenz- und entwicklungsfähiges Unternehmen betreiben. Dies verträgt sich mitunter nicht mit der allumfassenden Agenda der Kunden, bei der es um die Sicherung der kurzfristigen Kontinuität der Produktion geht. Dies ist natürlich eine Verallgemeinerung, da beide Parteien ein starkes Interesse sowohl an der kurzfristigen als auch langfristigen Entwicklung haben. Alles in allem ist dieser Interessenunterschied jedoch spürbar.
Für den Lieferanten werden viele der Aktivitäten, die sich aus der Intervention und der Überwachung vor Ort durch die OEMs und Tier-1-Lieferanten ableiten, sehr viel Managementzeit in Anspruch nehmen. Die Kunden erwarten allerdings zu Recht, über kritische Entwicklungen in der Lieferkette informiert zu werden, besonders wenn ihre eigene Produktion gefährdet sein könnte. Letzten Endes sollten Lieferanten nicht soweit durch die vom Kunden auferlegten Kontrollen strapaziert werden, dass diese zum Untergang des Lieferanten beitragen.
Umsetzungsmassnahmen
Eine konstruktive Kommunikation zwischen Herstellern und Tier-1-Lieferanten kann zu einem effektiveren Eingreifen, zur Bereitstellung von Finanzierungslinien und zur Umsetzung einer langfristigen Lösung führen. Die Kernthemen, die sowohl die OEMs als auch die Lieferanten adressieren müssen, sind Liquidität, ein kontinuierlicher Warenfluss und Kommunikation.
Das Liquiditätsmanagement ist bei jeder Restrukturierung von entscheidender Bedeutung. Man muss wissen, wer die laufende Finanzierung bereitstellt und in welcher Form sie erfolgen wird. Für den Lieferanten gibt es eine Vielzahl von Methoden, um die kurzfristige Liquidität zu verbessern. Dazu gehören:
- Verkürzung von Debitoren - Zahlungszielen
- Hinauszögern von Kreditoren - Zahlungen;
- Finanzierung der Vorräte;
- Einführung eines Konsignationslagers;
- Preiserhöhungen;
- Verhandlung von Pauschalzahlungen von Kunden/Kreditgebern;
- Finanzspritze vom Kapitalgeber oder der Muttergesellschaft;
- Gespräche mit Kreditversicherern;
- Debitoren-Factoring;
- Operative Unterstützung zur Reduzierung der Vorräte;
- und zum Mitarbeiterabbau
Es ist Aufgabe des Lieferanten, solche Liquiditätsverbesserungen durchzuführen, der OEM sollte jedoch über entsprechende Änderungsmaßnahmen informiert sein. Wenn Lieferungen nicht den Anforderungen entsprechen, greifen die OEMs mit Nachdruck ein. Dies kann sowohl auf der Seite des OEM als auch des Lieferanten zu Überreaktionen führen. Die Forderung nach (oder Lieferung von) mehr Vorräten, mehr Mitarbeitern oder mehr Containern wird ein noch größeres Liquiditätsloch reißen. Die Herausforderung besteht darin, Panik zu vermeiden und die Lieferungen mit einem maßvollen Einsatz von Ressourcen zu gewährleisten.
Eine langfristige Perspektive
Nachdem die kurzfristigen Maßnahmen umgesetzt worden sind, ist es auch wichtig, das „große Ganze“ im Blick zu behalten. Auch wenn in letzter Zeit öfters mangelhafte Heftpflaster-Lösungen genutzt werden, um in Schwierigkeiten geratenen Lieferanten zu helfen, ist es für diese von absolut entscheidender Bedeutung, eine langfristige Lösung zu erarbeiten und zu implementieren. Ohne eine solche Lösung gibt es für die aktuellen sowie für künftige Eigentümer und Gläubiger keinen Grund, die notwendigen zusätzlichen Opfer zu bringen. Im Idealfall sollte jede Restrukturierung das langfristige Überleben des Unternehmens sichern, so dass es für den OEM weiterhin ein nachhaltiger Partner sein kann. In den meisten Fällen wird es dazu erforderlich sein, dass die Interessenvertreter eine Vereinbarung schließen, die nicht nur mit einigen Risiken sondern auch einigen Verlusten verbunden sein wird.
Jede Restrukturierungslösung muss hinsichtlich der finanziellen und der operativen Existenz- und Zukunftsfähigkeit des Lieferanten realistisch sein. Eine transparente und leicht zu erklärende Finanzstruktur, die eine geradlinige, unkomplizierte Steuerung erlaubt, wird auf lange Sicht zum Erfolg des Unternehmens beitragen und somit gesunde Investitionsrenditen abwerfen. In vielen Restrukturierungsfällen haben wir eine Reihe von (hauptsächlich finanziellen) Lösungen gesehen, die den Zeitpunkt des Auftretens des wirklichen Problems nur verzögert haben.
Einfach nur die Passivseite (Eigenkapital und Verbindlichkeiten) der Bilanz zu bereinigen sorgt fast nie für die Überlebensfähigkeit eines Lieferanten. Die Aktivseite der Bilanz – insbesondere die Cash Conversion – muss so angepasst werden, dass sie den neuen Volumina entspricht und gleichzeitig eine größere Flexibilität ermöglicht, um den wahren künftigen Wert des Unternehmens widerzuspiegeln. Um langfristig Wert zu schaffen ist die operative Restrukturierung ebenso wichtig wie die finanzielle.
Schlussendlich ist der wichtigste Faktor in jeder Restrukturierung die transparente und zielgerichtete Kommunikation mit allen Beteiligten vom ersten Tag an, da schlussendlich alle Stakeholder das gleiche Ziel verfolgen. Es ist schwierig das tatsächliche Ende der Automobilkrise vorherzusagen, aber die zügige Umsetzung der in diesem Artikel dargelegten Punkte, sowie die Unterstützung von erfahrenen Beratern tragen zu einer optimalen Lösung für die langfristige Überlebensfähigkeit bei.
